In einem Gräberfeld einer (prä-)historischen Population sind normalerweise alle Geschlechter und Altersklassen, vom Fetus bis hin zum greisen Individuum, vertreten. So viel zur Frage, wie alt denn die Römer*innen geworden sind – das lässt sich nicht so einfach beantworten, manche recht alt, andere nicht. Um dem näher nachzugehen, führt man sogenannte demographische Analysen durch: Man betrachtet Sterbealter und Geschlecht aller Bestatteten gemeinsam, um die Bevölkerungsstruktur zu rekonstruieren und Rückschlüsse auf die Sterblichkeit und die Lebenserwartung ziehen zu können.
Die Sterbealtersverteilung im Gräberfeld Steinpass aus Lauriacum/Enns. Deutlich erkennbar ist der überaus hohe Anteil von Männern, insbesondere im jungen Erwachsenenalter (Grafik: M. Marschler).
Von vielen (prä-)historischen Bevölkerungen kennen wir das Phänomen, dass Frauen oft eine geringere Lebenserwartung als Männer haben, was u. a. mit den Risiken von Schwangerschaft und Geburt interpretiert wird. Im Gräberfeld Steinpaß aus Lauriacum zeigt sich ein anderes Bild. Hier haben Männer eine leicht geringere Lebenserwartung als Frauen. Das demographische Profil dieses Gräberfelds ist verglichen mit zeitgleichen Gräberfeldern am Donaulimes auch in anderer Hinsicht außergewöhnlich: In keinem anderen ist der Männeranteil so hoch. Berücksichtigt man nur die geschlechtsbestimmbaren Individuen, also hauptsächlich Erwachsene, finden sich hier rund vier Mal so viele Männer wie Frauen. Das entspricht nicht dem Bevölkerungsprofil einer natürlich gewachsenen Population, bei dem man ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis erwarten würde. Zieht man das Sterbealter hinzu, zeigt sich, dass der Großteil im adulten Alter, also zwischen 20 und 40 Jahren, verstarb. Wir nehmen an, dass der Grund hierfür in der Nutzung des Bestattungsareals durch Militärangehörige liegt. Es liegt ganz in der Nähe des Legionslagers, und es finden sich hier überdurchschnittlich viele Männer im wehrdienstfähigen Alter, das laut historischen Quellen ca. vom 17. bis zum 46. Lebensjahr lag. Die Übersterblichkeit von jungen Männern kann mit den risikoreichen Tätigkeiten der Soldaten und generell mit der erhöhten Risikobereitschaft und dem verstärkten Aggressionspotential junger Männer erklärt werden. Freilich wissen wir nicht, ob hier ausschließlich Militärangehörige und deren Familien bestattet wurden. Doch haben wir ein weiteres Indiz, das für eine militärische Nutzung spricht: die im Vergleich zu anderen römerzeitlichen Gräberfeldern vielen Verletzungen durch direkte Gewalteinwirkung. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Maria Marschler studierte Biologie/Studienzweig Anthropologie an der Universität Wien. In ihrer langjährigen Tätigkeit als Anthropologin hat sie zahlreiche Skelettserien von der Bronzezeit bis zum Hochmittelalter analysiert, wobei ihr Forschungsschwerpunkt in der Römerzeit liegt. Im Projekt LDDL untersucht sie am Naturhistorischen Museum Wien die Körperbestattungen aus Lauriacum. www.nhm-wien.ac.at,www.researchgate.net
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