Mehr als 30 Merkmale beurteilen wir am Schädel und am Becken, um das biologische Geschlecht des Verstorbenen zu ermitteln. Am Schädel sind es z. B. eine fliehende Stirn, deutlich betonte Überaugenbögen und stark ausgeprägte Muskelansatzstellen am Hinterhaupt, die eher für einen Mann sprechen. Ein flaches, weites Becken mit einem weiten Sitzbeinausschnitt ist wiederum als typisch weiblich anzusprechen (Abbildung 1). Jedes Merkmal kann prinzipiell weiblich oder männlich ausgeprägt sein und wird dementsprechend beurteilt. Da nicht alle Merkmale gleich gut geeignet sind, werden sie unterschiedlich gewichtet. Der Gesamtüberblick über alle Merkmale zusammen ergibt dann die Einschätzung des Geschlechts eines Individuums.

Manchmal sind die Merkmale aber nicht eindeutig ausgeprägt, oder es können auch an einem Skelett weibliche und männliche Merkmale nebeneinander vorkommen. Hier stoßen wir morphologisch – also die äußere Gestalt beurteilend – an unsere Grenzen, und das Geschlecht ist als indifferent zu beurteilen. Ist ein Skelett so schlecht erhalten, dass keine oder nur sehr wenige Merkmale beurteilt werden können, ist das Geschlecht morphologisch nicht bestimmbar. Helfen könnte in solchen Fällen nur eine aDNA-Untersuchung. Diese haben wir auch an ausgewählten Skeletten des Gräberfeldes Kristein-Ost durchgeführt – wir werden auch darüber berichten!
Maria Marschler studierte Biologie/Studienzweig Anthropologie an der Universität Wien. In ihrer langjährigen Tätigkeit als Anthropologin hat sie zahlreiche Skelettserien von der Bronzezeit bis zum Hochmittelalter analysiert, wobei ihr Forschungsschwerpunkt in der Römerzeit liegt. Im Projekt LDDL untersucht sie am Naturhistorischen Museum Wien die Körperbestattungen aus Lauriacum. www.nhm-wien.ac.at, www.researchgate.net


















