Knochen ist nur scheinbar starr und unflexibel. Er ist ständig im Umbau, so dass er rund alle 10 Jahre vollständig erneuert wird. Prinzipiell stehen dem Knochen zwei Mechanismen zur Verfügung, um auf Umweltreize und Krankheiten zu reagieren: Knochenmaterial wird auf- oder abgebaut. Und genau nach diesen Spuren suchen wir Anthropolog*innen, um die Krankheitsbelastung von Menschen aus vergangener Zeit zu rekonstruieren.

Die wohl deutlichsten Hinweise auf biografische Ereignisse wie z. B. Unfälle sind Knochenbrüche. Hier wird im Heilungsprozess um den Frakturspalt vermehrt Knochen gebildet, um diesen wieder zu stabilisieren (Abbildung 1). Doch auch andere Krankheiten, die primär gar nicht den Knochen betreffen, können sich abbilden. Auf Entzündungen oder Blutungen reagiert die Knochenhaut (Periost), die den Knochen (mit Ausnahme der Gelenke) umgibt, ebenfalls mit vermehrtem Knochenaufbau. So können Krankheiten wie etwa eine Hirnhautentzündung oder ein Bluterguss als feinporöse Knochenneubildungen sichtbar werden (Abbildung 2). Verstärkten Knochenabbau, wie etwa im Falle von Osteoporose oder chronischem Vitamin-D-Mangel, können wir an sehr leichten und dünnwandigen Knochen erkennen. Systematisch suchen wir das gesamte Skelett nach derartigen Hinweisen ab, um dem Leben der Menschen aus der Vergangenheit auf die Spur zu kommen.

Maria Marschler studierte Biologie/Studienzweig Anthropologie an der Universität Wien. In ihrer langjährigen Tätigkeit als Anthropologin hat sie zahlreiche Skelettserien von der Bronzezeit bis zum Hochmittelalter analysiert, wobei ihr Forschungsschwerpunkt in der Römerzeit liegt. Im Projekt LDDL untersucht sie am Naturhistorischen Museum Wien die Körperbestattungen aus Lauriacum. www.nhm-wien.ac.at, www.researchgate.net


















