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Leben und Sterben

… sag mir erst wie alt du bist!

Das Sterbealter eines Menschen ist neben dem Geschlecht der wichtigste Grundparameter in der Anthropologie. Es ist nicht nur Maß für die Lebensdauer eines einzelnen Menschen – über eine ganze Population betrachtet, gibt es Auskunft über die Lebenserwartung in (prä-)historischen Bevölkerungen.

Das biologische Sterbealter des Menschen wird – wie auch das Geschlecht – anhand von Skelettmerkmalen bestimmt. Bei Kindern ist dies relativ einfach und präzise zu bewerkstelligen, da das Skelettwachstum einem bestimmten Muster folgt. Hier werden das Stadium der Zahnentwicklung (Abbildung 1), die Länge der Langknochen und der Schluss der Wachstumsfugen beurteilt. Das ermittelte Sterbealter kann dadurch auf Spannen von nur wenigen Monaten oder Jahren eingegrenzt werden.

Abbildung 1: Unterkiefer eines Kleinkindes. Trotz der relativ schlechten Erhaltung lässt sich das Sterbealter aufgrund der Zahnentwicklung auf 9–12 Monate eingrenzen (Gräberfeld Am Lagergraben, Grab 49; Foto: M. Marschler).

Ist das Skelettwachstum abgeschlossen, ist die Sterbealtersbestimmung bedeutend schwieriger und ungenauer. Herangezogen werden hierfür die Abnützung der Zähne, das fortschreitende Verwachsen der einzelnen Schädelknochen (Schädelnähte), das Aussehen der Schambeinsymphyse und des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks sowie das Ausmaß der Abnutzungserscheinungen der Gelenke. Einige dieser Merkmale sind aktivitätsabhängig (Zahnabrasion, degenerative Veränderungen), andere höchst variabel (Schädelnähte). Meist kann man bei gut erhaltenen Skeletten das Sterbealter auf Spannen von mindestens 5–10 Jahren eingrenzen, bei schlecht erhaltenen ist die Schätzung oft noch ungenauer (Abbildung 2). Genauere Aussagen sind nur durch invasive Analysemethoden möglich – man muss hierfür Zahn- oder Knochenproben nehmen und Dünnschliffe anfertigen. Da dies sehr aufwändig ist und nicht zerstörungsfrei funktioniert, wird dies üblicherweise nur bei ganz besonderen Befunden durchgeführt.

Abbildung 2: Greisenkiefer. Der Oberkiefer der etwa 50–70-jährigen Frau hat aufgrund des vollständigen Zahnverlustes stark an Höhe abgenommen (Gräberfeld Am Lagergraben, Grab 34; Foto: M. Marschler).

Betrachtet man Sterbealter und Geschlecht auf Bevölkerungsebene, kann man die Bevölkerungsstruktur rekonstruieren und erhält so auch Hinweise auf die durchschnittliche Lebenserwartung einer (prä-)historischen Population. Mehr dazu in einem der nächsten Blogbeiträge!

Verfasst von

Maria Marschler studierte Biologie/Studienzweig Anthropologie an der Universität Wien. In ihrer langjährigen Tätigkeit als Anthropologin hat sie zahlreiche Skelettserien von der Bronzezeit bis zum Hochmittelalter analysiert, wobei ihr Forschungsschwerpunkt in der Römerzeit liegt. Im Projekt LDDL untersucht sie am Naturhistorischen Museum Wien die Körperbestattungen aus Lauriacum. www.nhm-wien.ac.at, www.researchgate.net

Das Projekt wird aus Mitteln des Heritage Science Austria-Förderprogramms der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanziert.

www.oeaw.ac.at

Projektträger

Naturhistorisches Museum Wien
OÖ Landes-Kultur GmbH
Paris Lodron Universität Salzburg

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