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Leben und Sterben

Memento Mori –
Römische Totengedenkfeste

Am 2. November begeht die katholische Kirche Allerseelen zu Ehren ihrer Verstorbenen. Auch im Festtagskalender der römischen Kaiserzeit war das Totengedächtnis durch mehrere Feiertage verankert. Die wichtigste Quelle zu deren Abläufen und Hintergründen stellen die Fasti des römischen Literaten Ovid (43 v. – 17 n. Chr.) dar.

Unter den jährlich zu begehenden Totengedenkfesten waren die parentalia von zentraler Bedeutung. Benannt nach den Toten der Familien (divi parentum) fanden sie zwischen dem 13. und 21. Februar statt. In dieser Zeit besuchten die Angehörigen die Gräber der verstorbenen Familienmitglieder, schmückten die Grabstellen mit Kränzen und Blumen und brachten den Geistern der Toten (manes) Speis- und Trankopfer dar. Nach Ovid (Fasti 2, 533–570) glaubte man, die manes würden aus ihren Gräbern steigen und in der Stadt umherwandeln. Um zu verhindern, dass sie dabei in die Tempel gelangten, blieben diese während der parentalia geschlossen. Zudem waren Hochzeiten verboten, da der Tod nach römischer Vorstellung mit einer physischen und spirituellen Verunreinigung verbunden war. Den 21. Februar, die feralia, beging die Familie abermals mit einem Opfer am Grab. Sie zählte zu den feriae publicae und war damit ein offizieller Feiertag.

Fragment eines Grabdenkmals aus Enns, auf dem ein Mann und eine Frau bei der Zubereitung von Speisen, vermutlich für ein Totenmahl, dargestellt sind. (Foto: SRI – Hemmers/Traxler)

Die lemuria wurden am 9., 11. und 13. Mai zur Abwehr böser Geister gefeiert. Der Ablauf des Opfers, welches am 9. Mai kurz vor Mitternacht vollzogen und vermutlich an den weiteren Tagen wiederholt wurde, ist ebenfalls durch Ovid (Fasti 5, 419–444) belegt: Der Hausherr musste barfuß und mit gewaschenen Händen und verschränkten Fingern durchs Haus gehen, schwarze Bohnen hinter sich werfen und neunmal „haec ego mitto, his redimо meque meosque fabis“ („diese werfe ich von mir, und kaufe mit den Bohnen mich selbst und die Meinen frei“) ausrufen, ohne sich dabei umzudrehen. Nach abermaligem Waschen der Hände schlug er auf ein Bronzegefäß und rief neunmal „manes exite paterni“ („Manen der Väter, zieht aus!“).  

Neben den parentalia und den lemuria ist eine Reihe weiterer Totengedenkfeste bekannt, die nicht im offiziellen Festtagskalender verzeichnet, jedoch inschriftlich belegt sind. Im Mittelpunkt der rosalia, die vermutlich im Mai oder Juni stattfand, stand die besondere Blumenzierde der Gräber, die mit Rosen geschmückt wurden. Blumen, in diesem Falle Veilchen, waren als Grabschmuck ein zentrales Element der am 22. März begangenen violaria. Zudem ehrte man den Verstorbenen an dessen Geburtstag (dies natalis) durch einen Besuch am Grab und ein dort zelebriertes Totenmahl. 

Während man die lemuria den antiken Quellen nach nur bis ins 2. Jahrhundert n. Chr. praktizierte, sind die parentalia noch in dem um 354 n. Chr. entstandenen Kalender des Filocalus aufgelistet. Mit zunehmender Bedeutung des Christentums verblasste auch dieses Fest. Bestimmte Elemente des heidnischen Totenkultes wurden jedoch auch im frühen Christentum fortgeführt – etwa die Bindung des Totengedenkens ans Grab – oder assimiliert. So fand das Totengedächtnis nicht mehr am Geburtstag, sondern am Sterbetag statt und wurde mit einer Eucharistie begangen.  

Die Abhaltung eines christlichen kollektiven Totengedächtnisses am 2. November ist erstmals in einem Dekret aus der Abtei von Cluny (Frankreich) festgehalten, welches vermutlich am Anfang des 11. Jahrhunderts entstanden sein dürfte. Von dort aus verbreitete sich das Fest rasch in Europa und hatte sich im 13./14. Jahrhundert zu einem zentralen Bestandteil der christlichen Liturgie etabliert.

Weiterführende Literatur:

  • Ch. W. King, The Ancient Roman Afterlife. Di Manes, Belief, and the Cult of the Dead (Austin 2020).
  • S. Schrumpf, Bestattung und Bestattungswesen im Römischen Reich. Ablauf, soziale Dimension und ökonomische Bedeutung der Totenfürsorge im lateinischen Westen (Bonn 2006).
  • H. H. Scullard, Römische Feste. Kalender und Kult. Kulturgeschichte der Antiken Welt 25 (Mainz am Rhein 1985).
  • J. Bärsch, Allerseelen. Studien zu Liturgie und Brauchtum eines Totengedenktages in der abendländischen Kirche. Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen 90 (Münster 2004).

Verfasst von

Lisa Huber studierte Altertumswissenschaften und Klassische Archäologie an der Universität Salzburg und promovierte 2022 zu den römischen Gräberfeldern von Iuvavum/Salzburg. Seit 2015 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Salzburg tätig. Ihre Forschungen konzentrieren sich auf provinzialrömische Sepulkralarchäologie, Iuvavum und römische Sachkultur. Im LDDL-Projekt ist sie für die Kontextualisierung des Fundmaterials und die archäologische Auswertung zuständig. www.plus.ac.at, uni-salzburg.academia.edu, www.researchgate.net

Das Projekt wird aus Mitteln des Heritage Science Austria-Förderprogramms der Österreichischen Akademie der Wissenschaften finanziert.

www.oeaw.ac.at

Projektträger

Naturhistorisches Museum Wien
OÖ Landes-Kultur GmbH
Paris Lodron Universität Salzburg

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